Rede bei der Solidaritätskundgebung in Varel
Als ich gefragt wurde, ob ich bei dieser Kundgebung sprechen möchte, habe ich erst gezögert. Ich bin keine Iran-Expertin. Aber ich glaube, genau darum geht es: Wir müssen nicht alles wissen, um hinzusehen und solidarisch zu sein.
Hier ist meine Rede:
Hallo zusammen,
ich finde es schwer zu verstehen, was in Iran passiert.
Ich möchte Neda vom Herzen danken, dass sie uns hier zusammengebracht hat, um gemeinsam zu stehen.
Wir stehen hier, um zu verstehen und um hinzuschauen, auch wenn es fassungslos macht.
Unsere Nachrichten berichten wenig über den Iran.
In Social-Media finde ich es schwer zu wissen, was ich glauben kann. Es ist schwer an Information zu kommen, insbesondere auch weil das Internet bewusst in Iran abgeschaltet wurde.
Wir von den Grünen haben in Niedersachsen an unserem Landesparteitag im Herbst über Internetzugang als Menschenrecht gesprochen. Das klingt hier bei uns etwas abgehoben. Wie ein Luxusproblem. Internet, als Menschenrecht?
Aber JA.
Heute sehen wir an Iran, wie wichtig es ist, dass die Information fließen.
Für die Menschen an der Straße ist es lebenswichtig, dass die Informationen, die Bilder, die Stimmen nach Außen drängen. Dass die Welt sieht, auch wenn es schwer in hinzuschauen.
Ich heiße Linn Söderberg-Szymanski und ich bin frauenpolitische Sprecherin der grünen Partei hier in Friesland. Das bin ich auch aus vollem Herzen. Ich mache darauf aufmerksam, dass der Preis, den wir Frauen auch hier in der Gesellschaft zahlen höher ist, als was Männer zahlen. Wir begegnen Hürden, wenn wir uns beruflich entwickeln wollen. Sexismus und Gewalt in Gesellschaft und in Beziehungen. Fast alle Frauen haben Sexismus am eigenen Leibe erfahren. Viele wissen, wie es ist, sich nicht sicher zu fühlen, wenn ein Mann anwesend ist. Manchmal auch wenn wir ihn lieben. Wenn wir aber den Mund aufmachen, werden wir kleingeredet und kleingemacht. Stigmatisiert, beschämt und nicht geglaubt.
Wenn wir aber der Preis anschauen, der die Protestierende in Iran
bereit sind zu zahlen von hier aus Deutschland unmöglich zu begreifen.
Frauen gehen zu Protesten, auch wenn sie nicht wissen, ob sie wieder nach Hause kommen.
400,000 Verletzte, über 40,000 Menschen ermordet und auch
40,000 verhaftet in nur wenigen Tagen.
Und Frauen werden in den Gefängnissen gezielt vergewaltigt und gefoltert.
Die Körper der weiblichen Opfer werden verbrannt, um der unmenschlichen sexistischen Gewalt zu vertuschen.
Aber auch Kinder sind unter den Opfern: über 200 Schülerinnen und Schüler.
Ich bin ganz sprachlos und ganz ehrlich. Mir wird es dabei richtig übel.
Aber diese Bilder müssen um die Welt gehen,
wir müssen es aushalten, die Bilder zu sehen weil die Menschen dort, müssen es ja aushalten dort zu leben. Wir müssen für sie mit hinschauen, auch wenn es uns sprachlos macht, weil es geht hier nicht um uns!
Die Menschen dort gehen da trotz diese unmenschlichen Zustände auf die Straße
und bringen sich und ihre Familien damit in Lebensgefahr.
Ja, die Bilder machen sprachlos. Aber gleichzeitig sehe ich auch den Mut.
Sehe ich die unglaublich mutigen Menschen an den Straßen, in den Gefängnissen und überall in der iranischen Zivilgesellschaft.
Diese unglaublich mutigen Männer, Frauen und Kinder sind nicht allein.
In vielen Teilen der Welt regt sich eine weltweite Protestbewegung. Von Ungarn bis Südafrika, in den USA und auch hier in Europa.
Überall stehen Menschen auf für Freiheit und Zukunft,
Für Gleichberechtigung und Frauenrechte.
Gegen Rassismus und für Menschenwürde.
Weltweit, und auch hier in Deutschland merken wir, dass der Wind rauer wird. Auch hier wird unsere Freiheit, unsere Sicherheit gefährdet.
Und dennoch stehen wir solidarisch mit den Menschen in Iran.
Wir sagen:
• Anerkennung von Geschlechtsspezifischer Verfolgung als Asylgrund!
• Sofortiger Abschiebestopp nach Iran!
• Solidarität und Unterstützung für die protestierende Bevölkerung!
• Stoppt die Massenhinrichtungen!
Wir dürfen nicht sprachlos sein! Wir müssen aufmerksam nach Iran schauen. Wir müssen gemeinsam stehen.
Für Frauenrechte, fürs Leben, für Freiheit!
ALL EYES ON IRAN!