Femizide sind keine Einzelfälle

Linn Södeberg-Szymanski

Rede bei einer Andacht in Varel nach einem Femizid

Diese Rede habe ich bei einer kleinen Andacht in Varel gehalten. Anlass war ein Femizid in unserer Stadt.

Wenn Gewalt gegen Frauen nicht mehr nur in den Nachrichten stattfindet, sondern vor der eigenen Haustür, verändert das den Blick. Plötzlich wird deutlich: Femizide passieren nicht irgendwo. Sie passieren auch hier.

Mit dieser Rede wollte ich der getöteten Frau gedenken, den Angehörigen meine Anteilnahme ausdrücken und zugleich daran erinnern, dass Gewalt gegen Frauen kein privates Schicksal und kein „Beziehungsdrama“ ist. Sie ist ein gesellschaftliches Problem, das uns alle angeht.

Hier die Rede:

Liebe Anwesende,

bist du noch allein Abends unterwegs? Radelst du hier in Varel allein durch den Wald wenn du mal in der Stadt warst? Gehst du unbekümmert joggen oder spazieren, ohne dir Gedanken zu machen, ob das sicher ist? Oder entscheidest du dich dafür zuhause zu bleiben? In deinen sicheren vier Wänden.

Stell dir aber vor, du bist unterwegs, warst draußen bei Freunden, einkaufen oder bei einer Veranstaltung und kommst dann nach Hause. Und stell dir vor, dort wartet nicht Sicherheit und Geborgenheit, sondern Angst. Nicht Schutz, sondern Kontrolle. Nicht Liebe, sondern Gewalt. Ganz im Gegensatz zu den Bildern die uns in Büchern, Filmen und Serien gemalt werden ist der gefährlichste Ort für Frauen nicht das Konzert, der Heimweg, und auch nichtmal der einsame Gang durch den Wald. Der gefährlichste Ort für Frauen ist das eigene Haus, es ist die eigene Wohnung. Für viele Frauen in Deutschland ist das ihr Alltag, ihr Leben.

Jede dritte Frau in Deutschland wird im Laufe ihres Lebens Opfer von physischer oder sexualisierter Gewalt.

Jede vierte erlebt diese Gewalt durch ihren Partner oder Expartner.

Allein 2023 wurden mehr als 180.000 weibliche Opfer häuslicher Gewalt erfasst. In Niedersachsen waren es über 32.500 Fälle – ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Betroffene schweigen – aus Angst, aus Scham, weil sie keine Alternative sehen.

Femizid – die gezielte Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind – ist die extremste Form patriarchaler Gewalt.

Aber sie ist kein „Einzelfall“ und erst recht kein „Familien oder Beziehungsdrama“.

360 vollendete Femizide gab es in Deutschland 2023. Versuchte Femizide waren fast dreimal so viele.

Femizide sind das Ende einer langen Kette von Herabsetzungen, Grenzverletzungen und Missachtung.

Über 52 000 Frauen und Mädchen wurden 2023 in Deutschland Opfer von Sexualstraftaten – ein Anstieg um über 6 % gegenüber dem Vorjahr. Und diese Statistiken gehen von Jahr zu Jahr hoch! Mehr als die Hälfte waren minderjährig. Was läuft schief in einer Gesellschaft, in der sowas Alltag ist?

Diese Kette der Gewalt – dieses System der Erniedrigung beginnt ganz am Anfang:

Wenn Mädchen lernen, zu lächeln, obwohl sie sich unwohl fühlen.

Wenn Jungen beigebracht wird, dass Dominanz okay ist. Wenn ein Mädchen weint, weil ein Junge sie verletzt hat – und Erwachsene sagen: „Ach, der mag dich wohl.“

„Ist doch nur Spaß“ – Haben wir doch alle schon gehört nach sexistischen Witzen oder Handlungen im Bekanntenkreis oder auf dem Arbeitsplatz. Wir werden dann schnell als Spaßbremsen hingestellt.

Patriarchale Gewalt ist kein Randphänomen. Sie ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt – in unserer Sprache, in unseren Rollenbildern, in unseren Gesetzen.

Niedersachsen hat das Hilfesystem ausgebaut. Frauenhäuser, Beratungsstellen, das Hilfetelefon all das ist da. Aber das reicht nicht.

Wir brauchen mehr Anlauf- und Beratungsstellen – wir haben diese Karten hier, in acht verschiedenen Sprachen. Nehmt sie mit und verteilt sie. Ich habe leider gehört, sie gehen weg wie heiße Semmeln.

Wir brauchen Wohnortsnahe Versorgung und mehr Möglichkeiten zur gerichtsfesten Dokumentation und Spurensicherung für Opfer von sexualisierter Gewalt leiden – und hier wäre das Abwickeln der Frauenklinik hier in Varel ein Schritt in die falsche Richtung!

Wir brauchen mehr Plätze in Frauenhäusern für Frauen, die mit ihren Kindern in Lebensgefahr schweben. Das kann Leben retten!

Die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt wurde bereits 2014 durch die Istanbul-Konvention beschlossen und aktuell im Februar durch das Gewalthilfegesetz im Bundestag bestätigt. Nun muss es zur Priorität gemacht werden.

Diese Schritte sind aber Sache der Behörden – des Bundes, des Landes, der Kreisverwaltung und der Gemeinden. Auch der Stadt Varel.

Aber was können wir tun? Wir Frauen, auch Männer, schlicht: Wir Menschen? wir Nächsten? Was können wir tun?

Genau hier beginnt Deine und meine Verantwortung.

Gewalt hat viele Gesichter. Und Leid ist immer noch oft, zu oft Privatsache.

Du kannst helfen – einfach, indem Du da bist. Indem Du sagst:

„Ich bin da. Ich sehe dich. Du bist nicht allein.“ Indem zu Zeichen nicht wegerklärst und ein mulmiges Gefühl ignorierst.

Wir Frauen leben in einer anderen Welt – nicht, weil wir im Einzelnen es so wollen,

sondern weil wir alle es als Gesellschaft zulassen.

Aber wir können etwas ändern:

Wir können aufhören, Mädchen beizubringen, sich kleinzumachen.

Wir können Jungen zeigen, was echte Stärke ist – und dass sie nichts verlieren, wenn sie zuhören und weich sind.

Ich habe mich bereits mit vielen jungen Männern unterhalten. Sie geben mir wirklich Grund zur Hoffnung. Lassen wir das zu. Schützen wir sie mit ihren Ideen und Wünschen von neuen Männer- und Geschlechterrollen.

Und wir können anfangen, mit unseren Mitmenschen zu reden. Mit unseren Nachbarinnen, unsere Freundinnen, unseren Schwestern. Nicht wegschauen. Nicht schweigen.

Hinsehen. Nachfragen. Zuhören. Fragen „Wie geht es dir?“ und dabei wirklich eine Antwort wünschen.

Wir können sexistische Witze aufdecken. Einfach nicht mitlächeln. Wir können das unbequem sein aushalten. Ich wette, du bist nicht allein, dich daran zu stören. Such Alliierte in deiner Umgebung.

Lass uns gemeinsam dafür sorgen, dass jede Frau das Recht auf ein Leben ohne Gewalt nicht nur auf dem Papier hat – sondern in der Realität.

Danke, dass Du zugehört hast. Danke, dass Du heute da bist!

Diese Andacht war ein Moment des Innehaltens. Aber Gedenken allein reicht nicht. Wir müssen hinschauen, Betroffene unterstützen und Gewalt gegen Frauen entschlossen bekämpfen – in Varel, in Friesland und überall.

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