Gleichberechtigung heißt gleiche Verantwortung

Carolin Kresse

Die Debatte um Wehrdienst und Gleichberechtigung ist unbequem. Gerade deshalb finde ich sie wichtig.

In dieser Rede habe ich meine Gedanken zu einer Frage formuliert, die mich als Mutter, Feministin und Politikerin beschäftigt: Was bedeutet Gleichberechtigung eigentlich, wenn es um staatliche Pflichten geht?

Dabei ging es mir nicht darum, bestehende Ungleichheiten kleinzureden. Im Gegenteil. Ich wollte zeigen, warum ich glaube, dass gleiche Rechte langfristig auch gleiche Verantwortung brauchen.

Diese Rede hat auf dem Bundesfrauenrat keine Mehrheit gefunden. Das gehört zur Demokratie. Ich veröffentliche sie trotzdem, weil sie zeigt, wie ich politische Fragen angehe: Ich höre zu, ich denke nach und ich vertrete meine Überzeugungen, auch dann, wenn sie nicht mehrheitsfähig sind.

Hier ist meine Rede:

Rede zum Antrag auf dem Bundesfrauenrat von Bündnis 90/Die Grünen.

Liebe Freundinnen,

mal vorweg, ich kenne die Argumente des Antrages, ich kenne die strukturellen Ungleichheiten. Dass sie bekämpft und abgeschafft gehören, ist uns allen klar!

Ich bin in dieser Frage aber überzeugt, dass eine Gleichbehandlung bei dem Wehrdienst als Katalysator dienen kann für die Gleichberechtigung für kommende Generationen. 
Lass mich ausführen: Mein ältester Sohn ist Jahrgang 2008. Er bekommt am Ende des Jahres sein Brief von der Bundeswehr. Wir diskutieren zuhause Monate über Monate über den Wehrdienst und ich muss feststellen, dass unsere Argumente hinken. Mein Sohn hat einer Partnerin noch nicht mehr Care-Arbeit aufgebrummt. Für ihn ist das alles noch nicht greifbar. Für vielen jungen Frauen auch nicht. Es ist wie, wenn uns Getränkekästen oder Tische schleppen abgenommen werden. Nett aber irgendwie mit einem faulen Nachgeschmack. Es bleibt eine Art Schuld, wie Minusstunden.

Die Gender-Gaps haben sich meist mit 17/18 noch nicht abgezeichnet. Sie sind in dem Alter, für Frauen meist noch nicht spürbar. Fragen der sexualisierten Gewalt, ja, keine Frage aber Gender-Gaps? Meist machen Frauen diese Erfahrungen erst später.

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Grundgesetz Art. 3, Abs. 1. Und dann gleich Abs. 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt.

Dann folgt der Ausnahme von der generellen Gleichberechtigung im §12a Abs. 4 wonach es heißt „Sie [hier meint das Grundgesetz Frauen] dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden.“. Belegt wurde diese Wiederspruch im Grundgesetz „aufgrund der fürsorglichen Natur“ von Frauen.

Seit 2001, nach einem Urteil auf europäischer Ebene sind alle militärische Bereiche und Laufbahnen Frauen offen. Und das ist richtig!  Wir müssen die Bundeswehr als männliche Machtdomäne aufbrechen und für Frauen gleichberechtigt zugänglich machen. Wir brauchen überall Frauen gleichermaßen vertreten.

Aber nochmal zurück zu meinem Sohn:

Ich glaube nicht, dass wir jungen Männern motivieren, mehr Care-Arbeit zu übernehmen oder für Feminismus einzutreten, wenn dafür ihre Töchter dann später auch Wehrdienst leisten müssen, ABER:

Ich glaube, dass wir mit Gleichbehandlung bei dem Wehrdienst eine Botschaft an junge Frauen senden, dass sie keine gesellschaftliche Schuld noch begleichen müssen. So können sie mit einer anderen Selbstverständlichkeit für eine gleichberechtige Verantwortungsübernahme von Care-Arbeit und finanzielle Verantwortung, Gleicher Lohn und Aufstiegschancen gegenüber Männern in ihrem Leben eintreten. Da müssen wir doch ansetzen, im Privatem:

Wir müssen angesichts der explodierenden Zahlen der Gewalt gegen Frauen und bei den Aufdeckungen von strategischen Vernetzungen und Lehrprogramme, wo Männer sich ausbilden, sich gezielt über die Grenzen von Frauen zu setzten, Gerade in ihrem engsten Umkreis! Angesichts dieses Gewaltpotentials müssen wir Frauen stärken. Sie müssen sich in Beziehungen gleichwertig und gleichberechtigt fühlen. Das tun wir nicht, indem wir sie mit 18 als besonders zart etikettieren, die geschont werden müssen.

Ich wünsche mir, dass die jungen Leute schon ganz am Anfang ihres Erwachsenenleben bedingungslos „gleiche Regeln für alle“ erleben. Und dass sie so miteinander eine gerechtere und gleichberechtigtere Zukunft bauen können.

Vielen Dank,

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